Wer ist dieser „Fokus“ und wo finde ich ihn? | #80

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I. Finde Deinen Fokus - Der Ratschlag schlechthin. 

Es vergeht mittlerweile kaum ein Tag, an dem ich nicht irgendwo im Internet, in Büchern oder von gestandenen Unternehmern die Empfehlung bekomme: Um erfolgreich zu sein, musst du deinen Fokus finden und bewahren. Fokussiere dich auf deine Ziele, die du erreichen willst und gehe sie Schritt für Schritt an.

Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, dachte ich – gut macht Sinn. Nachdem ich in den vergangenen Jahren meiner Selbstständigkeit diese Empfehlung immer öfter zu hören bekam, habe ich letztes Jahr deshalb damit angefangen eine Art Tagebuch zu schreiben oder wie es heute so schön heißt - ein „Journal“ geführt und hierfür den Kalender „Klarheit“ genutzt. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl an Kalendern auf dem Markt, die einem dabei helfen sollen, mehr Fokus in sein Leben und seine Arbeit zu bekommen.

 

II. Fokus wahren – Mein Erfahrungsbericht.

Ich mache das nun seit ziemlich genau einem Jahr und muss gestehen: Es hilft!

Es frustriert aber auch zugleich. Vor einem Jahr habe ich also angefangen mir meine Jahres-, Monats- und Wochenziele aufzuschreiben. Ein Jahr später habe ich es tatsächlich geschafft einige Ziele zu verwirklichen. Andere habe ich nicht in dem Maße erreicht, wie ich es mir aufgeschrieben hatte. Warum nicht?

Weil ich den Fokus nicht gehalten habe! „Das Leben kam dazwischen“ könnte man auch so romantisch sagen. Ein zusätzlich spannendes Projekt hier, eine künstlerische Idee da und noch kurz ein Auftrag reingeschoben und plötzlich ist das Jahr schon wieder vorbei.

Die Bilanz?

Vieles war sehr gut, machte Sinn, erfüllte mich, brachte mich weiter und vor allem lernte ich viel in fachlicher, künstlerischer und persönlicher Hinsicht. Aber wie „fokussiert“ war es nun, um meine aufgeschriebenen Ziele zu erreichen – 100%, 80% oder doch nur 40%? Genau das weiß ich nicht und das sagen mir auch meine Aufzeichnungen nicht.

Daher auch die Frage: Wer ist dieser „Fokus“ und wo finde ich ihn?

 

III. Willst Du Rechtsanwältin oder Künstlerin sein?

„Halte Fokus!“ – Einem Rat, dem ich nur zu gerne folgen würde, aber wie? Was ist, wenn ich den falschen Fokus setze?

Ein Beispiel aus meinem Berufsleben: Mich erreicht von Zeit zu Zeit immer wieder die Frage: Was willst du eigentlich sein, Rechtsanwältin oder Künstlerin? Meine immer gleiche Antwort: Natürlich Beides!

Warum sollte sich das auch ausschließen?

Nur am Rande: Wussten Sie, dass sowohl Rechtsanwälte als auch Künstler den sog. „freien Berufen“ angehören im Sinne des § 18 Einkommensteuergesetzes? Damit genießen Künstler und Rechtsanwälte gewisse steuerliche Begünstigungen, damit sie sich mehr auf ihre „Kunst“ konzentrieren können. Sie werden mehr als Künstler, denn als Unternehmer bzw. Gewerbetreibende angesehen, jedenfalls solange, wie sie ihre Leistung höchstpersönlich erbringen. Die Juristerei ist also Kunst! Das sieht sogar der Fiskus so! 

Jura ist für mich vor allem: Struktur, aber auch Kunst. Kunst ist für mich die Freiheit in alle Richtungen zu denken und sich auszudrücken, wie es einem beliebt. Deswegen sind beide Berufe zu Recht sogenannte freie Berufe und können sich gar nicht gegenseitig ausschließen. Aus meiner Sicht ergänzen sie sich vielmehr.

Wer nicht kreativ ist, denkt nur in Strukturen. Wer nicht strukturiert denkt und arbeitet, verliert sich in der Kunst.

Auch wenn ich den Einwand nicht teile, so ist er doch nachvollziehbar: Du kannst nicht zwei Hauptberufe nebeneinander betreiben. Abgesehen davon, dass es höchst unseriös ist beides miteinander zu vermengen - worauf liegt denn Dein Fokus?

 

IV. Worauf den Fokus setzen?

An diesem Punkt stelle ich dann aber die Gegenfrage: Was ist, wenn das Jahresziel in die Irre führte und das 5-Jahres und 10-Jahresziel, ja - Dein Lebensziel sich nach all den Jahren als Fehler herausstellte? Muss man nicht auch Irrwege einschlagen, sich ein Stück weit treiben und das Leben auf sich wirken lassen und dann wird am Ende alles zu einem großen Ganzen zusammenkommen? Ist nicht gerade das auch der enorme Mehrwert eines „Beraters“, der dir Ratschläge geben kann, die nicht in der Musterformularsammlung für Rechtsanwälte zu finden sind?

 

Natürlich nicht! Sagt der fokussierte Unternehmer. Aus Fehlern lernst du zwar, doch ohne Fokus geht es nicht und "sich treiben lassen" ist gewiss kein Fokus. Du brauchst ein Ziel, dann die Strategie und schließlich den Fokus, mit Fleiß und Geduld diesen Weg auch zu gehen.

Alles Korrekt.

Doch beantwortet es meine Frage nicht: Was ist, wenn ich den Fokus falsch setze?

 

V. Tu was Du liebst! – Esoterik vs. Unternehmertum

Eine Antwort auf diese Frage gibt beispielsweise Simon Sinek und viele andere Motivationsredner unserer Zeit – bis hin zu Philosophen wie Richard David Precht: Tu das was du liebst, tu das wofür du brennst! Finde Dein „Warum“  und dann wirst du damit noch am ehesten erfolgreich und zufrieden sein. Denn in Zeiten der Digitalisierung, in der all unsere Jobs (Ja, auch die von uns Rechtsanwälten ...) ohnehin bald wegdigitalisiert sein könnten, „rettet“ dich das noch am Ehesten vor der Arbeitslosigkeit nach der digitalen Revolution 4.0.

Doch all diese Empfehlungen werden dir nicht beantworten können, ob das worauf du deinen Fokus setzt am Ende das Richtige für dich ist.

Natürlich nicht!

Das ist schließlich deine eigene alleinige Verantwortung. Das ist Freiheit! Oder weniger pathetisch: Selbstständigkeit. Oder ganz einfach: Das ist das Leben.

 

VI. Wo finde ich also meinen Fokus?

Nach einem Jahr mehr oder minder strengem Fokus, zeigt sich für mich, dass ich den Fokus bisher nicht verstanden habe: Wenn du tust was du liebst, spielt es keine Rolle, wo du in 5, 10 oder 20 Jahren sein wirst. Wenn du jeden Tag etwas tust, was dich erfüllt, inspiriert, du dich dabei weiterentwickelst und du positiv darüber reden und denken kannst, dann ist DAS dein Fokus!

 

Das einzige, was dich davon abhalten kann diesen inneren Fokus zu wahren, sind die falschen Gründe, aus denen du dir bestimmte Ziele gesetzt hast, wie beispielsweise Status, Geld oder Anerkennung. 

 

Ist die Antwort also ganz einfach (wenn auch pathetisch): Der Fokus bin ich und ich finde ihn – in mir?