Warum wir Frauen weniger empathisch sein müssen und vor allem dürfen! | #76

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Kennst Du das? Das schlechte Gewissen nagt an Dir, weil Du heute nicht 110% produktiv warst. Weil Du Deine Aufgabenliste wieder nicht vollständig abgearbeitet hast. Weil Du unaufmerksam gegenüber Mitarbeitern oder der Familie warst. Oder ganz besonders nagend: Weil Du dich heute nur um Dich und Deine Wünsche gekümmert hast.

 

Woher kommt dieses ständige Gefühl, ein schlechtes Gewissen zu haben?

 

Nach meinem Empfinden ist die „Empathie“ der Verursacher dieses Gefühls. Frauen wird allgemeinhin die Eigenschaft zugeschrieben empathischer zu sein, als Männer.

 

Empathie wird als „die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen“(lt. Wörterbuch google) verstanden.

Neben den vielen zu befürwortenden und unbestreitbaren Vorzügen, die diese Eigenschaft mit sich bringt, hat Empathie doch einen ganz entscheidenden Nachteil für die Person selbst – egal ob Mann, Frau, jedenfalls Mensch.

 

Sie kann zu Deinem eigenen Problem werden, wenn Du zu viel „davon“ hast. Sie führt dazu, dass Du dich jedem Problem annimmst. Sie führt dazu, dass Du dich für alles und jeden verantwortlich fühlst und im schlimmsten Falle sogar dich für alles und jeden entschuldigst. Jeder in Deinem Umfeld soll glücklich sein, jeder soll mit Dir im Reinen sein, jeder soll zufrieden mit Dir sein. Kritik an Dir, nimmst Du dir sofort an, um den „Anderen“ gerecht zu werden.

 

Diese „Überempathie“ muss zwangsläufig zu einem „Ich möchte es allen und jeden Recht machen“- Problem führen. Das quälende Gefühl, nie seinen eigenen Anforderungen und denen der Anderen gerecht zu werden. Nimmt dieses Gefühl überhand und stellt sich als Dauerzustand ein, strahlst Du irgendwann Negativität aus - in Deinem Beruf, in Deiner Familie, in Deinem Freundeskreis.

 

Die ursprünglich positive Eigenschaft also, mitfühlend mit Deiner Umwelt umgehen zu wollen, schlägt um, in das lähmende Gefühl zwischen schlechtem Gewissen und den natürlichen und berechtigtem Wunsch, sich selbst einmal in den Mittelpunkt zu stellen. Doch wer sich selbst in den Mittelpunkt stellt, heute einmal nur für sich lebt oder arbeitet, ohne Rücksicht auf Andere zu nehmen, ist nicht mehr empathisch. Das weiß die empathische Frau und geißelt sich dafür.

 

Sollen wir Frauen deshalb alle Egoisten werden?

Sicher Nicht! Uns aber in einem Dauerzustand dafür zu geißeln, nicht 110% Empathisch zu sein ist auch keine Lösung.

 

Aus einer „Überempathie“ heraus aber nicht an seinen eigenen Projekten zu arbeiten oder nur mit einem dauerhaften schlechten Gewissen und sich hierdurch im schlimmsten Falle sogar noch selbst zu boykottieren, ist nicht empathisch und zwar gegenüber sich selbst!

 

Deshalb plädiere ich für:

Habe den Mut auch unempathisch zu sein. Wie so oft im Leben geht es um ein gesundes Maß. Wenn wir schließlich doch einmal dazu neigen zu wenig empathisch zu sein – mit anderen Worten also: egoistisch! – wird es sicher nicht lange dauern, bis jemand in unserem Umfeld uns darauf hinweisen wird und dann gilt es: Miteinander zu reden und ein gesundes Maß zu finden.

 

Ob diese „Überempathie“ am Ende nun ein klassisches „Frauenproblem“ ist oder ebenso Männer betrifft, darüber lässt sich sicher streiten und diskutieren. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass diese „Überempathie“ zu der viel umschriebenen „gläsernen Decke“ für Frauen führt und sie davon abhält, in Führungspositionen aufzusteigen.

 

Jedenfalls beobachte ich – als Frau und Rechtsanwältin – in meinem Umfeld, dass eben Frauen es viel öfters sind die zwischen Familie und Beruf hin und her rotieren und vor allem sich selbst und ihren Erwartungen nie gerecht werden, mit der Folge dauerhaften Stresses und schwelender Unzufriedenheit. Oder vielleicht reden sie auch einfach offener darüber, als Männer?

 

Deswegen, liebe empathische Frauen wie Männer, vielmehr liebe empathische Menschen:

Habt den Mut auch unempathisch zu sein! Euer Umfeld und vor allem Ihr selbst, werden es Euch danken.

Mein ganz persönlicher Tipp: Ein guter Anfang für alle „überempathischen“ Menschen ist ein:

„Ich bin heute einfach mal nicht erreichbar“-Tag.